Stop the music and go home – Eine Abrechnung mit Daft Punk und ihrer neuen Platte

Daft Punk. Homework blies 1996 so einige Gehirngänge frei, versöhnte Techno mit Disco, Rotwein-Cola-Gemisch mit Schampus und nicht zuletzt die Indie-Hörer mit elektronischer Musik. Eine aufregende Hommage an die Helden verschiedenster Dancefloors, das alles auf einer Blockparty in einem Jugendzimmer. Den wirklichen globalen Impact haben aber selbst die wohlwollendsten Kritiker damals unterschätzt. Schon bald lief Daft Punks wahnsinniges Debut-Album around the world in heavy rotation, und völlig zu Recht.

Der unglaubliche Erfolg machte aus zwei Disco-liebenden jungen Franzosen die der Welt entrückten, ins kollektive Unterbewusstsein eingegangenen „Robots“ (als Weiterentwicklung von Kraftwerk mit Gefühlen ausgestattet), die ,gehüllt in digital-analoge Mysterien, nach schier endloser Wartezeit ihr neues, funkig funkelndes Produkt „Discovery“ von den Fließbändern in die offenen Arme der angegeilten Crowd schmeißen ließen. „Discovery“ war ein Raumschiff, das die nicht tot zu kriegende Botschaft aus dem Studio 54 ins Weltall trug, to boldly go where no human has danced before. Als die Platte rauskam, war ich zu borniert, um die Großartigkeit von „One More Time“ zu begreifen, das die besten Momente aus den tollsten Discoscheiben dieses Planeten und imaginierter anderer zu einer Hymne aus reiner Freude re-destillierte, gleichermaßen retro wie neu. Jetzt weiß ich, dass Musik, die Disco thematisiert, nicht viel besser werden kann. Dass die Pacha-Meute das damals auch begeistert goutierte, störte kein geshuffeltes Sechzehntel.

Eine weitere Ewigkeit später gaben die Roboter öffentlich zu, dass auch sie ohne Strom nicht funktionierten, was ihnen niemand glauben wollte. „Human After All“ mag der Versuch gewesen sein, den akquirierten Ikonenstatus durch Zerstörung des Raumschiffs und analoges Musizieren in den digitalen Trümmern wegzufiltern, ganz abgekauft hat man es ihnen aber nicht, obwohl die Platte im Gesamtwerk auf schöne Art und Weise „off“ wirkt und Perlen wie das ambienteske „Make Love“neben Robotern, die versuchen, nach Black Sabbath zu klingen, nicht eben uninteressant sind. Leider markiert diese Platte den Beginn meines langsgsamen Weges des Weghörens.

Denn was folgte, war nicht Vermenschlichung, sondern die totale Pink-Floyd-isierung, und ich bin ja eher Syd Barrett-Fan. Best of, gigantische Lasershow, Spektakel. Der Tron-Soundtrack war ja ganz nett, und die beiden Roboter im Film neben dem Bowie-artigen Charakter, das war schon mal ’ne nette Vorabendunterhaltung. Richtig heiß war ich aber nicht drauf.

Deshalb war ich relativ entspannt, als die Marketingmaschinerie zum neuen Album anlief. Unglaublich hochauflösende Filmchen, in denen die berühmten Gastmusiker, die für dieses unglaublich teure Album ins sonnige Kalifornien, die Südseite des Saturn oder wohin auch immer eingeldagen wurden, von der Platte und ihrer Entstehung schwärmten, als gäbe es kein Gestern. Pharrell Williams erzählte davon, wie cool es war, mit „den Robotern“ abzuhängen, aber dem glaube ich schon seit Jahren nix mehr. Nile Rodgers zeigte ein paar seiner berühmten Licks, und tatsächlich, er hat auch auf der neuen Daft Punk-Platte welche untergebracht. Giorgio Moroder pontifizierte altehrwürdig. Nachdem ich dann „Get Lucky“, die erste Single, gehört hatte, war ich nicht mehr nur skeptisch, sondern geradezu enttäuscht. Aber ich habe wahrscheinlich die falsche Erwartungshaltung: Wenn man gerne auf von Anwaltskanzleien veranstaltete Rooftop-Parties geht und nach einer Line Koks und ein paar Hugos flachgelegt werden möchte (oder dergleichen imaginiert), ist das der perfekte Soundtrack. Ansonsten leider ziemlich belanglos, da kann Pharrell croonen, wie er will.

Der Rest der Platte bestätigt dann leider den schlechten ersten Eindruck und die Annahme, dass renommierte Musiker, legendäre Studios und atemberaubendes Equipment noch keine gute Platte machen, da hilft auch keine Zeitmaschine. Und die wollten Daft Punk bauen, denn auf dem finalen Retro-Flash suchen sie nicht mehr die besten und/oder obskursten Scheiben, sondern wollen so weit vor die Roots gehen, dass sie ihr eigenes Proto-Sample-Futter aufnehmen können. „Bring Life Back To Music“. Gerne. Nur leider wird das alles sicher niemand samplen wollen (außer Kanye vielleicht?). Fast nichts auf der Platte ist auch nur ein bisschen spannend, mitreißend, aufregend arrangiert. Einzig der Schlusstrack mit der Rakete hat mich aus dem Sessel gelockt, ganz nett beim Wohnungsputz, darüber hinaus Ödnis, wohin man auch hört.

Das mag jetzt alles übertrieben wirken und klar, ich ätze hier, weil ich so enttäuscht bin. Zu manchen Stellen würde ich vielleicht doch mitwippen, aber bei Daft Punk muss ich halt leider andere Maßstäbe ansetzen. Nicht zuletzt durch die trotz „Human After All“ weiter betriebene Selbst-Ikonisierung. Wer sich selbst auf Podeste aus Laserlicht stellt, muss sich halt auch mit Herkules und seinen Homies messen lassen. Und da heißt das Fazit leider: Wegen solcher Musik musste Punk damals erfunden werden! „Random Access Memories“ wärmt erfolglos in Kryptonit eingeschweißte Helden auf, die in der Folge blutleer, ideenlos und kalt herumliegen, und das, obwohl die Roboter sich so bemüht haben, analoge Wärme hinzukriegen in der Breitwandmischung, der Musik neues Leben einhauchen wollten. Nur leider sind die Songs so schwachbrüstig, dass auch die dickste Produktion nicht mehr Punch und Substanz reinbringen kann.

Wenn man drüber nachdenkt, was das alles bedeutet, wird’s noch schlimmer: Auf „Teachers“ haben sie noch von Lehrern gesprochen, jetzt geht’s um zeitlose Helden, und sie haben’s geschafft: Sie sind im Olymp der Langeweile angekommen, wo sie scheinbar schon immer hin wollten. Auf der Fahrt dorthin leider verloren gegangen: Der berühmte, druckvolle Daft Punk-Sound, der auf dem Küchenradio wie der Berghain-Anlage Spaß machte, und, leider, jegliches emanzipatorische Potential. „Stop the music and go home“ tönte schon 1996 „Revolution 909“, wie prophetisch das doch war…die Revolution ist zu Hause angekommen, im Wohnzimmer, bei den Luxus-Soundsystemen und Designer-Couches.